Senuja‘s Fest

Wenn in Sri Lanka ein Kind die ersten Zähne bekommen hat, wird ein Fest gefeiert. Es hat auch einen Namen, aber niemand konnte ihn mir auf Englisch übersetzen, also finde ich auch keinen deutschen Namen dafür. Ich will versuchen dieses Fest zu beschreiben. Wenn man es mit einem deutschen Fest vergleichen will, dann passt am besten eine aufwendig gefeierte Taufe.

Als erstes wird der Astrologe befragt, welches der beste Zeitpunkt für dieses Fest ist. Der sagt dann einen Tag und eine Uhrzeit, die in der Regel am frühen Morgen ist. Dann werden alle Verwandten und Freunde eingeladen, auch die, welche weit weg wohnen. Nun werden die Vorbereitungen eingeleitet. Es wird ein Koch engagiert und im Freien eine provisorische Küche eingerichtet.

Das Fest für Senuja begann kurz nach 4 Uhr am Morgen. Also sind alle Eingeladenen schon am Vortag angereist und haben bei den Vorbereitungen für die Kocherei geholfen und dann an Ort und Stelle übernachtet. Das war auf dem Boden im großen Zimmer. Wir Alten (Großeltern) bekamen das Bett der Eltern von Senuja.

Am frühen Morgen kam dann ein Mönch. Er hat zuerst lange gesungen, dann eine Predigt gehalten. Viele symbolische Handlungen fanden statt, die ich  nicht verstand, und die mir auch niemand erklärte. Alles verlief genau nach dem vom Astrologen errechneten Zeitplan. Wenn eine Handlung fertig war und der Zeitpunkt für die nächste noch nicht da war, wurde mit dem Blick auf die Uhr gewartet.

Die, wie ich erkannte, wichtigste Zeremonie war diese: Auf dem Boden war eine schöne Matte ausgelegt, darauf eine weiße Tischdecke und darauf ein großes Bananenblatt. Auf diesem hatte die Mutter des Kindes alle möglichen Sachen ausgebreitet, die für das Kind interessant sein könnten. Sachen zum Essen, Spielsachen, Malstifte, Bleistifte, Bücher, Blumen und Geld. Zu dem genau errechneten Zeitpunkt wurde das Kind gefüttert, und zwar mit Reis und zum ersten Mal mit einer scharfen Soße. Als Senuja die Schärfe schmeckte, fing er an zu schreien. Dann wurde er vor das Bananenblatt gesetzt und wurde aufgefordert etwas von den dort herumliegenden Sachen auszusuchen.  Nun waren alle Anwesenden aufs Höchste gespannt, was er wohl wählen würde. Denn das würde Auskunft darüber geben, in welche Richtung er sich entwickeln werde.

Also, was machte unser Senuja? Er packte zuerst ein Stück Kuchen, zerbrach es in Brocken und warf sie in der Gegend herum. Dann stürzte er sich auf einen Bleistift und auf ein Buch. Alles andere interessierte ihn nicht. Damit war für die Zuschauer klar – er wird ein Intellektueller.

Er wurde von Mönch gesegnet, allen Anwesenden band der Mönch ein Stück Schnur ans Handgelenk. (Dieses wird oft wochenlang oder noch länger nicht weggemacht. Daher sieht man viele Buddhisten mit einer Schnur am Handgelenk. Sie waren also bei irgendeiner Zeremonie gewesen, die mit der Schnur ihren Abschuss gefunden hatte.)  Nach dieser Zeremonie wurde der Mönch nach Hause gebracht.

Aber das Fest war damit nicht zu ende. Nun wurde die Kocherei mit riesigen Töpfen auf Hochtouren fortgesetzt, die ja schon am Vortag und am Morgen eingesetzt hatte unter der Regie des angeheuerten Kochs. Nun halfen alle anwesenden Frauen. Die Männer machten sich unsichtbar. Um die Mittagszeit kam der Mönch wieder und noch 4 weitere Mönche. Zwei von ihnen waren Kindermönche. Einer war schon sehr alt. Die fünf Mönche ließen sich auf weiß ausgelegten Stühlen nieder und wurden von den Frauen bedient. Nach dem Essen sangen sie noch und einer hielt eine Predigt. Dann wurden  alle Mönche  nach Hause gebracht.  Danach durften alle anderen Leute auch essen. Nun war das Fest zu Ende.

Die Familie und einige der Gäste waren noch stundenlang mit aufräumen beschäftigt. Die provisorische Küche wurde auch abgebaut. Und als das Haus wieder in seinem normalen Zustand war, fuhren die Eltern und das Kind mit uns nach Haldummulla, wo wir bis nach Weihnachten zusammen sein wollen.