Weihnachten 2010

Am 16. Dezember kamen unsere Freunde mit dem Baby Senuja zu uns. Sie wollten bis nach Weihnachten bei uns bleiben. Es war wunderschön, mit dieser jungen Familie zusammen zu sein. Die Mutter, die einige Jahre meine Deutschschülerin war, ist nun wahrlich wie unsere eigene Tochter. Dazu hat sie mit ihrem Mann einen außerordentlich netten „Schwiegersohn“ ins Haus gebracht und mit Senuja einen sehr liebenswerten „Enkel“. 

Alle Nachbarn besonders die Kinder lieben dieses Baby. Sie waren daher fast immer da, spielten mit dem Kleinen und haben ihn herumgetragen. Da unsere Nachbarin Pathma uns so hilfreich zur Seite gestanden ist bei allen Arbeiten, beim Ausleihen eines Moskitonetzes und eines Wäscheständers zum Trockenen der großen Menge Wäsche die täglich anfiel, haben wir auch ihre ganze Familie zu den Mahlzeiten eingeladen. Wir waren also fast immer 6 Erwachsene, 2 Kinder und ein Baby.

Zu der großen  Menge Wäsche muss ich bemerken, dass man in Sri Lanka den Babys keine Pampers anzieht, dafür ist kein Geld vorhanden. Die Kleinen bekommen einfach ein dünnes Höschen an, ohne Windel drin. Wenn nun das Kind Pipi macht, was nahezu alle halbe Stunde der Fall ist, pinkelt es alles voll, was in seiner Nähe ist. Weil es dauernd von irgendwem herumgetragen wird, ist das in der Regel die Kleidung des Herumtragenden.  Auf diese Weise hat man viel mehr zu waschen als ein paar Windeln und ein Höschen.  

Am 25. 12. Haben wir dann Weihnachten gefeiert mit allen Nachbarn, es waren knapp 30 Personen.  Zuvor hatten die Kinder der Nachbarn den aus grünen Ästen zusammengebastelten Christbaum geschmückt und Stühle herbei geschleppt.  Ritchie hat die Weihnachtsgeschichte erzählt und Buddini hat sie aus einem Buch in Singhalesisch vorgelesen. Dann haben wir die zwei deutschen Weihnachtslieder gesungen, die wir kennen,  und noch ein singhalesisches Lied und  einige deutsche Lieder, die mit Weihnachten nichts zu tun haben.

Dann haben die Kinder ein kleines selbst erfundenes Theater gespielt. Anschließend gab es Tee und die Weihnachtsplätzchen, welche die Kinder zusammen mit mir gebacken hatten. Und zum Schluss hat jedes Kind, das in der Sing- und Mal-Gruppe ist, ein Ringbuch geschenkt bekommen, in dem die letzten Lieder drin sind, die wir gelernt haben, alle schon gemalten Mandalas, eine Menge neue, die noch auszumalen sind und für jedes Kind 6 große Fotos (DIN A4) von ihm selbst beim Singen oder Malen.  Da unsere Nachbarn wissen, wie sehr wir selber gemachte Dinge schätzen, hatten alle Kinder originelle Weihnachtskarten für uns gemacht.

Am Abend des 25. 12. ist dann die Familie mit dem Baby etwas verfrüht abgereist aus folgendem Grund:

Anfang des Monats waren wir bei einer Hochzeit in Colombo. Wir haben das Brautpaar eingeladen uns mal zu besuchen.  Nun, während unsere Freunde hier waren, hat die Mutter der Braut angerufen und gesagt, dass uns nicht nur das Brautpaar, sondern die ganze Sippe besuchen wollen und zwar am 26.12. Das sind 17 Personen.  Also ist die junge Familie ausgerissen um den anderen Platz zu machen.

Wir sahen Stress auf uns zukommen.  Es ist ein Unterschied ob man 2 bis 3 Stunden mit einer größeren Menge von Leuten Weihnachten oder sonst etwas feiert oder wenn 17 Leute bei einem wohnen wollen bei Tag und bei Nacht. Darum hätten wir die ganze Sippe am liebsten ausgeladen. Ritchie erzählte am Telefon auch, dass es hier dauernd regnet, dass es viele Erdrutsche hat und in unserem Garten viele Blutegel seien.  „Das macht nichts, wir kommen trotzdem.“  War die  Antwort.

Du lieber Himmel, was machen wir jetzt, die Anzahl der Leute ist einfach zu viel für unser kleines Haus.  Wir überlegten, wie wir einen solchen Ansturm  bewältigen können. Unser Haus ist groß genug für uns 2 und für 2 oder höchstens  4 Gäste. Aber wir 2 und noch 17 das sind 19, also knapp 20 Leute.  Wir haben 4 Gästebetten, die in 2 kleinen Zimmern stehen, die sonst als Büro und als Bügel- und Nähzimmer genutzt werden. So viele Leute bekommen wir nicht untergebracht!  Also haben wir verschiedene Nachbarn gefragt, ob ein Teil unserer  Gäste bei  ihnen  übernachten dürfen.  Klar – kein Problem! 

Nun kamen sie, alle 17. Aber sie wollten auf keinen Fall auswärts schlafen.  Die ganze Meute wollte zusammen bleiben und bei uns schlafen – alle!  Also, wo ein Wille ist, da ist ein Weg! Die Ältesten und  die Dicksten bekamen ein Bett. Alle anderen haben aus unserem nicht allzu großen Wohnzimmer mit Matten  und Decken ein Bett gemacht.  Der ganze Raum wurde zu einem  großen Bett umfunktioniert. In der Nacht gab es dann viel Gelächter, bis endlich der letzte eingeschlafen war. Da bei so vielen Schläfern mit Sicherheit auch einige Schnarcher dabei sind, war die Nacht selber auch unterhaltsam, besonders in einem Haus, das keine Zimmerdecken und statt Zimmertüren nur Vorhänge hat.

Aber sie kamen ja nicht erst in der Nacht, sondern schon vor dem Mittagessen an.  Im Nu fand ich 5 Frauen in meiner Küche. Ich kam mir recht überflüssig vor und hatte den Eindruck, dass ich einen Stempel auf der Stirn trage, UNTAUGLICH. Untauglich 1. Sri Lankisch zu kochen und 2. für so viele. Das hat mich aber nicht gekränkt sondern gefreut.  Ich habe 3 Tage nichts in meiner Küche gemacht, noch nicht mal Geschirr gespült. Wenn man untauglich ist, hat man keine Verantwortung.  Das war für mich auch okay. 

Wenn solche Massen in dein Heim einbrechen, dann bist du nicht mehr der Mittelpunkt deines Hauses. Du bist nur noch eine Randfigur. Was von nun an passiert, geschieht nicht unter deiner Regie. Die Frauen hatten riesige Töpfe und Lebensmittel mitgebracht.  Sie schalteten und walteten, als wären sie schon immer in meiner Küche gewesen.

Am ersten Nachmittag habe ich unsere Mandalas gezeigt.  Mit dem Ergebnis, dass die Hälfte der ganzen Gruppe Mandalas malen wollte. Ich habe die jeweils gewünschten Mandalas ausgedruckt und stundenlang waren sie vertieft im Malen. Manche Exemplare wurden außerordentlich schön.

Ich erzählte von den Problemen, die ich mit dem Computer habe, da gab mir der 11 Jährige Eraj  Computerunterricht.  Dann sagte ich, dass wir am Vortag mit den buddhistischen Nachbarn Weihnachten gefeiert hatten und nur 2 deutsche Weihnachtslieder kannten. Ich wünsche mir von ihnen, da sie auch Singhalesen aber Christen sind, dass sie einige Weihnachtslieder singen, die ich auf den Computer nehmen kann. 

Das haben sie gemacht, zweimal haben wir es versucht, aber sie haben so schlecht und zu leise gesungen, es war unbrauchbar.  Doch sie haben mir versprochen eine CD zu schicken mit singhalesischen Weihnachtsliedern.  Das ist nun auch ok.  Außer malen und singen haben wir ausgiebig Karten miteinander gespielt.

Am 2. Tag hat die ganze Gruppe einen Ausflug  gemacht zu einem schönen Wasserfall, nicht weit von hier.  Aber alle Mahlzeiten wurden hier bei uns gekocht und gegessen. Dazu waren die Frauen stundenlang in der Küche. Die singhalesische Kocherei ist sehr arbeitsaufwendig. Daher verbringen die traditionellen Frauen die meiste Zeit des Tages in der Küche.

Das ändert sich langsam, weil in vielen Familien in den Städten Mann und Frau berufstätig sind. Das hat zu einem Überhandnehmen der großen Fast-Food-Ketten geführt. Einfach, weil die Frauen die Zeit nicht aufbringen können, die nötig wäre, um selber zu kochen, kaufen sie nun dieses ungesunde Zeug, füttern sich selber, ihre Männer und Kinder damit. Der Gesundheitszustand wird auf diese Weise immer schlechter und es gibt viele übergewichtige Leute, was es früher nicht gab.

An den Abenden, während die Frauen in der Küche arbeiteten und wir mit den Kindern und Jugendlichen auf der hintern Veranda Karten spielten, saßen die Männer auf der vorderen Veranda und tranken Wodka und Arrak. Das ist leider in Sri Lanka üblich. Die Männer trinken immer Alkohol, wenn sie zusammen sind.  Dadurch werden sie nicht intelligenter sondern immer dümmer. Es gibt ganz wenige Männer, die da nicht mitmachen. Ritchie ist so einer. Der frisch verheiratete Ehemann hat auch nicht mitgetrunken. Bei ihm weiß ich aber nicht, ob im Moment nur die Frau noch wichtiger ist als der Alkohol.  (Die betrunkenen Männer werden oft gewalttätig, was zu traurigen Dramen in den Familien führt.) Das ist auch Sri Lanka, schade!

Am 3. Tag wurde noch mal richtig gekocht in meiner Küche. Während die Frauen damit beschäftigt waren, kamen die Kinder und Jugendlichen zu mir und baten mich um Ausdrucke von Mandalas.  Sie sind so begeistert davon, dass sie auch zu Hause weiter malen wollen. Das freut mich natürlich, und ich stelle immer wieder fest, dass die Dinge, die mich begeistern ohne Aufhebens auf andere überspringen.

Beim Abschied sagte der Jüngste von 8 Jahren, dass er gerne bei uns bleiben möchte, bis die Schule wieder beginnt. Eine der Frauen sagte, es seien wunderschöne Ferien für sie gewesen. (Und das, obwohl sie die meiste Zeit in der Küche verbracht hat.) Einer der Männer drückte zum Dank meine Hand so heftig, dass ich vor Schmerz aufschreien musste.  Also, es hat ihnen gefallen. Ich mag diese Leute auch einzeln sehr gerne. Aber wenn sie in so geballter Form erscheinen, artet es dann doch in Stress aus.

Nun habe ich stundenlang in meiner Küche aufgeräumt. Jetzt kenne ich mich selber wieder aus.  Außerdem sieht das Bad sehr mitgenommen aus. Zum Glück haben wir 2 Bäder. Unser eigenes teilen wir nie mit Sri Lanka Leuten, denn die wissen wirklich nicht, wie man ein Bad benutzt.  In Sri Lanka benützt man kein Klopapier, sondern Wasser. Dazu hat es neben dem Klo eine Popo-Dusche. Das ist ganz praktisch und viel hygienischer als Klopapier.  Aber die Leute hier können offensichtlich nicht damit umgehen.  Ich weiß nicht, wie sie das machen, aber alle Toiletten, die ich in Sri Lanka schon gesehen habe, sind immer nass, sogar in Hotels und am Flughafen. Ritchie sagt WC heißt in Sri Lanka wet Corner (nasse Ecke). Wenn also 17 Leute 3 Tage lang auf dieselbe Toilette gegangen sind, jeder den Boden nass gemacht hat und dann mit dreckigen Schuhen in der Nässe herumgelaufen ist, dann ist der ganze Boden ein Matsch.

Aber das kommt morgen dran. Jetzt wollte ich erst mal zu Papier bringen, wie Weihnachten bei uns war. Teilweise stressig, aber trotzdem schön.